Wie lange ist Stillen pro Brust je Mahlzeit normal?

Was ist schon normal? So könnte sich frau fragen. Gibt es überhaupt Regeln, die für das Stillen gelten, wo doch jedes Mutter-Kind-Paar einzigartig und unvergleichbar ist? Vermutlich sind wir Deutschen an dieser Stelle auch irgendwie einzigartig, weil wir denken, dass sich das Leben immer nach Normen abspielen muss. Hier erfahren Sie, was zum Thema Stillen „normal“ ist.

Stillen Brust Mahlzeit

„Meike trinkt jetzt schon 35 Minuten an meiner linken Brust. Zwischendrin schaut sie mir tief in die Augen, so dass ich um mich herum alles vergessen kann. An der anderen Brust ist sie meist schon nach 7 Minuten fertig. Ich versteh das nicht. Kannst du mir das erklären?“, fragt Simone ihre Hebamme. Erfahren Sie in diesem Beitrag, wie lange Stillen pro Brust je Mahlzeit normal ist und worauf Sie achten sollten.

Einflussfaktoren auf das Stillen

Aus der Vielzahl unterschiedlicher Faktoren, die das Stillen und damit auch die dabei verbrachte Zeit pro Brust und Mahlzeit beeinflussen, sind in dieser Übersicht nur die wichtigsten dargestellt.

Stillen Brust Mahlzeit

Hormonlage der Mutter

  • Beeinflussung direkt nach der Geburt vor allem von ihrem Erleben dieses Ereignisses

Hat sie die „Kontrolle“ über das, was mit ihr geschah, behalten, spiegelt sich das in einem Oxytocinrausch wider. Der beeinflusst das erste Stillerlebnis im Kreisssaal in positiver Weise: Kolostrum wird durch den Milchspendereflex (MSR) bereits innerhalb der ersten Lebensstunde freigesetzt.

  • war die Geburt von Stress und unerwarteten Eingriffen gekennzeichnet, wirken Medikamente meist verzögernd auf die Milchfreisetzung

Diese Aussage gilt genauso für die Zeit im Wochenbett. Angst, Ärger und Schreck oder Depression hemmen den MSR. Es kann also deutlich länger dauern, bis das Baby befriedigt ist. Dadurch verlängert sich also die Zeit, die Sie pro Brust je Mahlzeit stillen.

Anzahl bereits gestillter Kinder

Eine Frau, die schon ein oder mehrere Kind/er gestillt hat, erreicht meist schon nach weniger als vier Tagen den Beginn der Produktion reifer Frauenmilch. Durch die größere Milchmenge und die veränderte Zusammensetzung in Vorder- und Hintermilch wird das Baby schneller satt und nimmt gut zu. Dabei dient die Vordermilch der Flüssigkeitszufuhr und die Hintermilch der Sättigung. Das Baby erreicht meist schon vor dem 10. Tag nach der Geburt sein Geburtsgewicht wieder.

Menge des Drüsengewebes

MilchstauWie die weibliche Brust aufgebaut ist, wurde bereits in einem anderen Artikel zum Thema „Stillen“ beschrieben. Fast alle Frauen ohne kosmetische Nachhilfe haben unterschiedlich große Brüste. Das bedeutet, dass der Anteil an Drüsengewebe nicht gleichmäßig verteilt ist. Deshalb kann eine Brust manchmal mehr Milch produzieren als die andere. Das Baby trinkt dann länger an dieser Brust.

  • Größe der Brust wird von der Fettmenge bestimmt, nicht vom Drüsengewebe
  • Drüsengewebe produziert die Muttermilch
  • Drüsengewebe, das beim ersten Stillen nach der Geburt vom Stillhormon aktiviert wird, stellt sich schneller auf die zukünftige Aufgabe ein
  • Baby wird mit gesündester Nahrung versorgt

Deswegen stillt ein Baby manchmal unterschiedlich lange an den beiden Brüsten

Milchveränderungen

Die Brust stellt sich zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedliche Bedürfnisse des Babys ein. Landet es beispielsweise vor dem errechneten Geburtstermin schon auf der Welt, ist die Muttermilch anders zusammengesetzt als bei termingeborenen Babys. Die kleinen Neugierigen brauchen mehr Abwehr- und Wachstumsstoffe als Babys, die nach 40 Wochen das Licht der Welt erblicken. Sie haben in den letzten Wochen der Schwangerschaft über die Nabelschnur diese wichtigen Stoffe noch von ihrer Mutter erhalten.

Trinktyp des Babys

Wer da etwa glaubt, alle Babys seien gleich in ihrem Trinkverhalten, der irrt gewaltig!

Stillen Brust Mahlzeit

  • Man erlebt richtige Gourmets. Sie lassen sich an der Brust alle Zeit der Welt und genießen diese Wonnen ausführlich. Klar, dass sie längere Zeit zum Trinken brauchen, egal an welcher Brust.
  • Dagegen sind kleine Raffzähne sofort auszumachen. Sie haben schon nach 5-10 Minuten ihre Mahlzeit beendet. Es kann gar nicht schnell genug gehen, um den Hunger zu stillen. Wenn die Mama zu langsam beim Hervorzaubern ihrer Brust ist, gibt es mörderisches Geschrei.
  • Nicht zu verwechseln sind diese Kinder mit denen, die nur so schnell schlucken, weil der Milchfluss der Brust das Baby fast ertränkt. Hier ist mit einer anderen Stillposition schon ein normales Verhalten an der Brust zu erreichen.
  • Manche Babys finden es so schön kuschlig an der Brust, dass sie schon nach den ersten Schlucken selig einschlummern. Der gute Geruch nach Mama, der fabelhaft süße Geschmack des weißen Goldes und das Gefühl der Geborgenheit unterstützen sie dabei. Klar, dass sie jede Minute an der Brust ausnutzen und ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verleihen, wenn es Mama zu lange dauert. 45 Minuten hat sie ja vielleicht schon Geduld gezeigt.
  • Die „Normalos“ benötigen ungefähr 15-20 Minuten für jede Brust.

Zusammensetzung der Muttermilch

  • verändert sich je nach Situation
  • im Sommer bei heißen Temperaturen wird die Milch „dünnflüssiger“, um den Durst besser zu stillen
    • dieser Vorgang geht zu Lasten der Sättigung
    • Baby kommt öfter und trinkt nur kurz, manchmal nur 2-3 Minuten

Wir nehmen ja auch oft nur ein, zwei Schlucke zu uns, um das trockene Gefühl im Mund loszubekommen.

Milchmenge

Enthält eine Brust einmal nicht so viel Milch, weil Baby keine Lust mehr zum Weitertrinken hatte, und beginnt zur nächsten „Session“ wieder mir dieser Brust, wird es sich schon nach kurzer Zeit beschweren. Dafür trinkt es dann an der anderen Seite umso ausgiebiger und länger.

Pre-Milch, Flaschennahrung

Tageszeit

Auch sie beeinflusst das Stillverhalten des Babys. Sicher haben Sie auch schon beobachtet, dass Ihr Baby in den Abendstunden öfter trinken möchte. Ähnlich wie im Sommer, ist die Abendmilch eher leicht verdaulich und nicht so fetthaltig wie die Hintermilch. Deswegen braucht es mehr, ehe es sich satt fühlt. Außerdem wird auf diese Weise schon die benötigte Milchmenge für den nächsten Tag eingestellt. Dass sich Baby endlich zufrieden gibt und einschläft – meist für eine längere Periode – verdankt es dabei auch den schlaffördernden Bestandteilen der Muttermilch.

Wunderwerk Brust

Eine Maschine kann auf bestimmte Anforderungen – Normen – eingestellt werden. Da weder das Baby noch die Brust „kalibriert“ werden können, ergibt sich eine klare Aussage:

Merke: Es gibt keine zeitliche Regel/Norm für das Stillen pro Brust und pro Mahlzeit!

Zu diesem Schluss sind Sie sicher auch schon gelangt, nachdem Sie den Artikel tapfer zu Ende gelesen haben. Unser tägliches Leben ist so von Hektik und Stress geprägt, dass Sie beim Stillen eine hervorragende Chance zum Innehalten und Lernen haben.

Sie lernen,

  • Geduld zu üben, weil Babys wunderbare Lehrmeister sind und Sie sogar dann und wann mit einem süßen Lächeln dafür belohnen.
  • sich selbst runterzufahren und zu entspannen, weil durch hormonelle Einflüsse in der Muttermilch Inhaltsstoffe enthalten sind, die Sie ausgeglichener machen.
  • dass es im Leben noch neue andere Wertigkeiten gibt, von denen Sie bisher bestenfalls theoretisch etwas gewusst haben.
  • zu staunen, über viele kleine und große Wunder.

Dass Sie sich diesen Schatz über die Stillzeit hinaus bewahren, wünsche ich Ihnen von Herzen, weil er die Lebensqualität verbessert!

Quellen:
HGH-Schriftenreihe „Erfolgreiches Stillen“, 2005
Lawrence, R.A. & Lawrence, R.M. Breastfeeding, A Guide for the Medical Profession, 8th ed., 2016;
Aufzeichnungen aus der Weiterbildung zur Still- und Laktationsberaterin

Edeltraut Hertel
Hier schreibt Hebamme
Edeltraut Hertel ist Diplom-Medizin-Pädagogin, Hebamme und Krankenschwester. Sie arbeitete im In- und Ausland (8 Jahre Tansania, Katastropheneinsätze in Mazadonien, Sudan und Eritrea), und war fast 15 Jahre als freiberufliche Hebamme in Glauchau und Umgebung tätig. Von 2012 bis 2017 unterrichtete sie an der Med. Berufsfachschule der Klinikum Chemnitz gGmbH. Seit Sept. 2017 erfreut sie sich an ihrem Ruhestand, gibt aber gern aus ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz an Wissensdurstige weiter.
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Edeltraut Hertel
Edeltraut Hertel ist Diplom-Medizin-Pädagogin, Hebamme und Krankenschwester. Sie arbeitete im In- und Ausland (8 Jahre Tansania, Katastropheneinsätze in Mazadonien, Sudan und Eritrea), und war fast 15 Jahre als freiberufliche Hebamme in Glauchau und Umgebung tätig. Von 2012 bis 2017 unterrichtete sie an der Med. Berufsfachschule der Klinikum Chemnitz gGmbH. Seit Sept. 2017 erfreut sie sich an ihrem Ruhestand, gibt aber gern aus ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz an Wissensdurstige weiter.
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