Stillen: wie viel Abstand zwischen den Mahlzeiten ist normal?

Wenn ein Baby geboren wird, stellen sich unsere Uhren um. Plötzlich kommen ganz neue und unbekannte Qualitäten in unser Leben. Darauf sind wir nicht vorbereitet, oder zumindest nur in der Theorie. Dieser Zustand verunsichert enorm, und wir hätten am liebsten für jede Situation eine klare Regel. So auch für das Stillen und die genauen Abstände zwischen den Mahlzeiten.

Stillen Abstand, Stillmahlzeit

Julia, eine junge Mutter, fragt sich besorgt, ob es denn normal sei, dass ihr Baby nur ungefähr zwei Stunden ohne Stillprogramm durchhalte. Danach gäbe es deutlich vernehmbare Proteste. Der kleine Junge ihrer Freundin dagegen wolle nur aller 4 Stunden stillen. Macht sie etwas falsch oder sind die verschiedenen Abstände zwischen den Stillmahlzeiten normal?

Typisch weiblich

Wenn scheinbar irgendetwas nicht so klappt, wie im Ratgeber beschrieben, fragt sich Frau sofort, was sie denn falsch mache. Auf die Idee, dass beispielsweise auch das Baby was nicht richtig oder anders mache, kommt sie meist gar nicht. Mir persönlich erscheint dieses Sich-Hinterfragen typisch weiblich zu sein. Natürlich, in diesem Fall kommt es aus dem Wunsch heraus, gut für ihr Baby sorgen zu wollen, also aus mütterlicher Verantwortlichkeit. Die ergibt sich aus der neuen Situation.

Stillen Brust Mahlzeit

Der normale Abstand

Den gibt es nicht. Wenn ein Baby satt ist, wendet es sich von der Brust ab oder schläft ein. Dieser Zustand und damit der Abstand zwischen den Stillmahlzeiten ist individuell, wird aber von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Eine Auswahl davon finden sie hier:

  • Reife des Babys
    • Frühgeburt
    • Wachstumsschub
  • Fettgehalt der Muttermilch
    • Anzahl der Schwangerschaften
    • Ernährung der Mutter
  • Zusammensetzung der Muttermilch
    • Tageszeit
    • Reifungsstufen der Muttermilch
  • Befinden des Babys
    • fieberhafte Erkrankung
    • Außentemperatur im Sommer

Stillen, Stillmahlzeit

Zur Normalität zählt, wenn das Neugeborene in den ersten Lebenstagen 8-14 Mal innerhalb von 24 Stunden stillen möchte. Diese breitgefächerte Angabe deutet schon an, dass es sich beim Stillen um einen individuellen Vorgang zwischen Mutter und Kind handelt. Die Abstände zwischen den einzelnen Stillmahlzeiten werden sich verändern, z.B. eben durch die Reifung der Muttermilch und die Vergrößerung des kindlichen Magens. Manche Babys passen sich an den mütterlichen Schlafrhythmus gut an, andere bleiben dabei, dass kleine regelmäßige Appetithäppchen doch was sehr Feines sind.

Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart

Am Beginn der 30er Jahres des 20. Jh. schrieb eine deutsche Ärztin einen Erziehungsratgeber: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. 1988 wurde er letztmals aufgelegt und in mehr als 1,2 Mio. Exemplaren vertrieben. Er behauptete ohne jeden wissenschaftlichen Beweis, dass ein Baby nur aller vier Stunden Hunger habe und von Geburt an diszipliniert werden müsse. Alles andere verwöhne Kinder.

Diese Aussagen haben Millionen von Müttern und medizinischen Fachkräften eine falsche Prägung verpasst. Jeder Erwachsene sucht sich Nahrung, wenn er Hunger verspürt und befriedigt damit ein menschliches Grundbedürfnis. Ein neugeborenes Kind wird verwöhnt, wenn sich die Mutter auf sein Rufen einlässt. Welche Logik steckt denn hinter solch einer Aussage?!

Aber irgendeine Regel muss es doch geben…

Förmlich höre ich diesen Einwand einer Mutter. Ein Baby zu stillen ist Geschenk für Mutter und Kind, aber genauso auch eine Herausforderung. Worin besteht dies für die Mutter?

Schmerzen durchs Stillen

  • Planung, Effizienz und Organisation sind momentan keine erste Priorität mehr: Überraschung ist angesagt
  • Gespräch mit dem Baby, das noch nicht mit Worten antworten kann: Rätseln, was mir das Baby mitteilen möchte
  • Fallen in ein „Zeitloch“: Schluss mit Hektik
  • Im Sich-Einlassen auf die Individualität ihres Babys

Merke: Die Regel für Stillabstände zwischen den Mahlzeiten lautet Stillen nach Bedarf von Mutter und Kind!

Stillen: Angebot & Nachfrage

  1. Die Mutter stillt, wenn sie bemerkt, dass sich die Brust unangenehm anfühlt, also drückt, schwer wird oder auszulaufen beginnt. Sie darf und soll ihr schlafendes Baby wecken zum Stillen. Das Baby lernt dabei, dass die Mama auch auf das kleine Wesen angewiesen ist, nicht nur umgekehrt. Solches soziale Lernen verliert seinen Einfluss auch im weiteren Leben nicht. Wir wünschen uns schließlich alle einen rücksichtsvollen und freundlichen Umgang mit einander, wenn wir uns später als Erwachsene begegnen!
  2. Das Baby „meldet“ sich, wenn es gestillt werden möchte durch seine Stillzeichen. Eine Mutter lernt sehr schnell, innerhalb von wenigen Stunden nach der Geburt, sie zu identifizieren:
  • den Kopf wenden auf der Suche nach der Brust
  • den Mund weit öffnen
  • an den Fingern oder der Faust saugen
  • unruhig werden
  • Laute von sich geben
  • Der letzte Versuch, die Aufmerksamkeit der Mama zu erringen ist Geschrei!

Baby schreit nach dem Stillen

Letzteres unterscheidet sich je nach Bedürfnislage des Babys. Es hört sich anders an, wenn ein Baby eine volle Windel hat, getragen werden möchte oder Hunger hat. Will das Baby stillen, reagiert die Mutter deutlich schneller. Diese interessante Entdeckung haben Forscher bei der gezielten Beobachtung von Mutter-Kind-Paaren gemacht.

Mein Tipp: Genießen Sie die Zeit mit Ihrem einzigartigen Baby und lassen Sie sich nicht irritieren von anderen Ratgebern, die wissen, was normal ist und wie groß die Abständen zwischen einzelnen Stillmahlzeiten sein müssen. Lernen Sie im Miteinander ihre Individualität kennen und schätzen, denn dieses Abenteuer ist einzigartig!

Quellen:
https://www.thieme.de/de/hebammenarbeit/stillhaeufigkeit-und-stilldauer-in-deutschland-103371.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_deutsche_Mutter_und_ihr_erstes_Kind
BDH Empfehlung zur Stillbegleitung durch Hebammen, Karlsruhe, 2006
Lawrence, R.A. & Lawrence, R.M. Breastfeeding, A Guide for the Medical Profession, 8th ed., 2016;
Aufzeichnungen aus der Weiterbildung zur Still- und Laktationsberaterin

Edeltraut Hertel
Hier schreibt Hebamme
Edeltraut Hertel ist Diplom-Medizin-Pädagogin, Hebamme und Krankenschwester. Sie arbeitete im In- und Ausland (8 Jahre Tansania, Katastropheneinsätze in Mazadonien, Sudan und Eritrea), und war fast 15 Jahre als freiberufliche Hebamme in Glauchau und Umgebung tätig. Von 2012 bis 2017 unterrichtete sie an der Med. Berufsfachschule der Klinikum Chemnitz gGmbH. Seit Sept. 2017 erfreut sie sich an ihrem Ruhestand, gibt aber gern aus ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz an Wissensdurstige weiter.
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Edeltraut Hertel
Edeltraut Hertel ist Diplom-Medizin-Pädagogin, Hebamme und Krankenschwester. Sie arbeitete im In- und Ausland (8 Jahre Tansania, Katastropheneinsätze in Mazadonien, Sudan und Eritrea), und war fast 15 Jahre als freiberufliche Hebamme in Glauchau und Umgebung tätig. Von 2012 bis 2017 unterrichtete sie an der Med. Berufsfachschule der Klinikum Chemnitz gGmbH. Seit Sept. 2017 erfreut sie sich an ihrem Ruhestand, gibt aber gern aus ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz an Wissensdurstige weiter.
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