Postnatale/Postpartale Depression | Hebammen-Rat

„Das langersehnte Wunschkind ist endlich auf der Welt und die glücklichen Eltern schweben auf Wolke sieben.“ So oder ähnlich ist die Erwartung an frischgebackene Mütter. Doch nicht selten werden Mütter nach der Geburt von einem Stimmungstief oder gar einer ausgeprägten Depression befallen: der sogenannten Wochenbettdepression, auch postpartalen Depression genannt.

Wochenbettdepression

Etwa 10 bis 15 % frischgebackener Mütter erleiden eine Postpartale Depression. Hier erfahren Sie, woran Sie eine postpartale Depression erkennen, wie Sie am besten damit umgehen und welche Maßnahmen Ihnen in dieser schweren Zeit helfen können.

Begriffsbestimmung

Postnatale Depression, postpartale Depression und Wochenbettdepression werden synonym verwendet. Die einzelnen Wortbedeutungen lauten:

  • post (lat.) = nach
  • natal von natalis (lat.) = Geburt aus der Perspektive des Kindes
  • partal von partus (lat.) = Geburt aus der Perspektive der Mutter
  • Depression = psychische Störung im Sinne von stark gedrückter Stimmung bis „Lebensmüdigkeit“
  • Wochenbett = Zeit von Geburt bis 6 Wochen nach der Geburt

Was ist eine postpartale Depression?

Eine postpartale Depression ist eine Sonderform der depressiven Störung, denn sie tritt im Zusammenhang mit einer Geburt auf. Sie beginnt meist im Wochenbett (daher der Name Wochenbettdepression) und kann über Monate/Jahre andauern. Sogar 4% der Väter sind betroffen.

Postnatale/Postpartale Depression

Erscheinungsformen einer postpartalen Depression

Viele Mütter (bis 50%) kennen sie: Die Heultage (kurze depressive Verstimmung) oder auch „Baby-Blues“ genannt: Man hält sein frisches, zartes, anbetungswürdiges Baby im Arm und einem ist trotzdem zum Heulen zumute. Und tatsächlich fließen oft die Tränen wie Sturzbäche. Viele Fragen und Ängste stürmen auf die junge Mutter ein:

  • Wird sich das Baby gesund entwickeln?
  • Werde ich eine gute Mutter sein?
  • Wie entwickelt sich die Beziehung zu meinem Lebenspartner?
  • Was wird aus meinem geliebten Beruf?
  • Und was ist, wenn ich etwas falsch mache?

„Ich bin jetzt für immer Mutter! Ein winziges Wesen ist abhängig von meinen Entscheidungen!“ Die Verantwortung lastet wie Blei auf den Schultern und lässt so manche Mutter kurz verzweifeln. Aber nur ganz kurz. Schnell finden sich die meisten Frauen in die neue Mutterrolle ein (Mutterinstinkt) und empfinden zunehmend Glück und Freude beim Umgang mit ihrem Kind. Ein Baby-Blues muss nicht behandelt werden.

Die Heultage sind jedoch wirklich nur Tage und recht bald vorbei. Mit einer Wochenbettdepression verhält es sich anders: Sie beginnt auch kurz nach der Geburt des Kindes, hält aber viel länger an. Die Beschwerden nehmen zu und können sich tatsächlich bis zu dem Wunsch nach Selbstmord (Suizid) steigern. Eine postpartale Depression muss, auch im Sinne des Kindes, behandelt werden (Arzt, Psychologe).

Wochenbettdepression

Bei einer Wochenbettpsychose (selten) treten neben den depressiven Symptomen auch Realitätsverlust, Halluzinationen, Ängste oder Zwänge auf und können sogar für das Kind gefährlich werden. Mütter könnten in einem psychotischen Schub den Wunsch verspüren, ihr Kind (Infantizid) und/oder sich selbst (Suizid) umzubringen. Eine Wochenbettpsychose muss zwingend in einer Klinik behandelt werden.

Wochenbettdepression/postpartale Depression erkennen

Eine postpartale Depression beginnt schleichend und wird deshalb als solche zu spät erkannt. Oft werden Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen und eine übermäßige Reizbarkeit („Nerven liegen blank“) als Stress-Symptome interpretiert, schließlich muss sich die Mutter erst einmal an den Lebensalltag mit Kind anpassen. Doch genau diese Anpassung kann aufgrund der Erkrankung nicht stattfinden. Die betroffenen Frauen verspüren zunehmend

  • Antriebslosigkeit („Glieder wie Blei, zu Nichts in der Lage, müde bis zum Umfallen…“)
  • (Extreme) Traurigkeit (viel Weinen, keine Freude, keine Fröhlichkeit)
  • Innere Leere (gefühllos, abgestumpft, „Alles-egal-Haltung“)
  • Appetitlosigkeit
  • Ambivalente Gefühle gegenüber dem Kind (das Baby wird geliebt und gleichzeitig abgelehnt)
  • Gefühl der Wertlosigkeit (ich schaffe es nicht, ich tauge gar nichts, ohne mich wäre die Welt besser…)
  • Ängste/Panikattacken (Herzrasen, Schweißausbrüche, übermäßige Besorgnis, immer in Hab-Acht-Stellung, dass gleich was Schlimmes passiert)
  • Vernachlässigung der eigenen Körperpflege (Wozu? Wird als unwichtig empfunden, Signal nach außen: „selbst dafür ist keine Zeit…“)
  • Sozialer Rückzug, Desinteresse an Familie und Freunden
  • Stillprobleme
  • Andauerndes vermindertes sexuelles Interesse
  • Suizidgedanken/-handlungen

Wochenbettdepression

Meist versorgen die Betroffenen ihre Babys korrekt und gewissenhaft, aber „ohne innere Beteiligung“ (Teilnahmslosigkeit). Für Außenstehende sieht alles „normal“ aus. Diese emotionale Distanz verspürt jedoch das Kind und es kann dadurch zu erheblichen kognitiven und emotionalen Entwicklungsstörungen kommen z.B. tritt auf

  • exzessives Schreien,
  • Gedeihstörung,
  • Bindungsstörung,
  • erhöhte Infektanfälligkeit,
  • Mangel an Spiel, Kommunikation und Sozialkontakten
  • usw.

Am Ende befinden sich Mutter und Kind in einer Spirale aus sich gegenseitig bedingenden Belastungssituationen: Mutter erschöpft, reagiert nicht adäquat auf die Bedürfnisse des Kindes, Kind schreit viel, lässt sich kaum beruhigen, Mutter noch erschöpfter und mutlos… So wird alles gefühlt immer schlimmer statt besser. Manchmal erscheint die Zukunft so düster, dass die Mutter am liebsten aus dem Leben scheiden will. Eine frühzeitige Diagnose wäre also sehr wichtig für Mutter und Kind. Sie kann bereits gestellt werden, wenn mindestens 5 Symptome über mindestens 2 Wochen anhalten.

Ursachen für die Entstehung

Die Entstehung einer Wochenbettdepression wird durch die Hormonumstellung nach der Geburt begünstigt (plötzlicher Wegfall der Plazenta als Hormonproduzent und Einschuss der Stillhormone). Doch erkrankte Männer erleiden auch keine derartige Hormonumstellung. Deshalb kann dies nicht als alleinige Ursache benannt werden. Für die Ausbildung einer postpartalen Depression sind ebenfalls ausschlaggebend:

postpartale Depression

  • familiäre Situation (mangelnde Unterstützung oder erhöhte Ansprüche durch Familie/Partner, Beziehungsprobleme, Gewalt in der Partnerschaft…)
  • soziale Situation (finanzielle Probleme, „schwierige“ Sozialkontakte, prekäre Wohnsituation…)
  • Erschöpfung (Schlafmangel)
  • Veränderungen des Selbstbildes (durch Schwangerschaft, Geburt, Mutterschaft)
  • Psychische Erkrankungen in der Anamnese (Krankheitsgeschichte)
  • Biografie der Frau (traumatische Ereignisse)

Auch ein Geburtstrauma kann die Entstehung einer Wochenbettdepression begünstigen. Außenstehende sagen oft:

  • „Da hast Du aber Glück gehabt, dass die Ärzte so schnell reagiert haben…!“ oder
  • „Mein Gott, früher wären die Frauen daran verstorben…!“ oder
  • „Hab Dich nicht so, Du hast doch ein gesundes Kind und solltest froh sein…!“ oder
  • „Du bist aber eine Mimose, das haben Millionen Frauen vor dir auch durchgemacht…!“

Die Frau jedoch erlebte:

  • Angst/Überforderung
  • Extrem empfundene Schmerzen
  • Geburtsverletzungen (teils ausgeprägte Rissverletzungen, Dammschnitt, Verletzungen des knöchernen Beckens…)
  • Grenzüberschreitungen durch medizinisches Personal (Untersuchungen mit Schmerzen, mangelnde Aufklärung, Eingriffe ohne Einverständnis – „weil es halt jetzt so sein muss!“, Nichterfüllung der Wünschen der Gebärenden usw.)
  • Lebensgefahr für sich oder das Kind (Notfälle wie lebensbedrohliche Blutungen, Reanimation des Kindes…)
  • Einen Notkaiserschnitt, vielleicht sogar mit Aufenthalt auf der Intensivstation
  • Trennung vom Kind (Lagerung im Inkubator, Verlegung in Kinderklinik…)

Natürlich betrifft dies nur einen geringen Anteil der Mütter, viele hatten glücklicherweise ein „gutes“ Geburtserlebnis. In diesem Fall gehen Frauen gestärkt, selbstbewusst und motiviert aus der Geburt heraus. Doch ob gut oder schlecht, Einfluss auf das Befinden der Frau hat das Erlebte in jedem Fall.

Postpartale Depressionen behandeln

Bei einer postpartalen Depression ist eine Behandlung durch Fachpersonal unverzichtbar. In Absprache mit der Betroffenen wird eine Psychotherapie, eine Einstellung auf Medikamente (Antidepressiva) oder sogar ein stationärer Aufenthalt eingeleitet. Dazu sollte sich die Frau an Ihren Frauenarzt oder Hausarzt wenden. Er überweist sie an entsprechende Stellen:

Postnatale Depression

  • Psychotherapeuten
  • Fachärzte für Psychiatrie/Psychotherapie
  • Kliniken für Psychiatrie/Psychotherapie
  • Rehabilitationskliniken – „Mutter-Kind-Kur“
  • Physiotherapeuten/Ergotherapeuten
  • Vermittlung einer Haushaltshilfe (von Krankenkasse getragen)

In Notfällen kann der Notarzt gerufen werden. Er ist neben den „allseits bekannten“ Notfällen auch für psychiatrische Notfälle zuständig, d.h. wenn eine akute Gefahr für die Frau (Suizid, Selbstverletzung) oder das Kind (Infantizid/Misshandlung) besteht.

Hebammenrat bei Wochenbettdepression

Keine Angst, von einer Wochenbettdepression kann sich die Mutter wieder vollständig erholen. Dazu ist es notwendig, dass die Mutter konsequent Maßnahmen ergreift, die ihr eigenes Wohlbefinden (wieder)herstellen bzw. fördern.

1. Energiereserven wieder auftanken

Erschöpfung ist sowohl ein Auslöser als auch ein Hauptsymptom bei einer postpartalen Depression. In erster Linie sollte deshalb gegen die anhaltende Erschöpfung vorgegangen werden, indem die Frau ihre Energiereserven „auftankt“. Wirksam sind:

  • Regelmäßige Mahlzeiten (davon mindestens eine warme Mahlzeit)
  • Ausreichend Schlaf (extra Raum, Telefon ausstellen, „Schichtdienst“ bei der Versorgung des Babys in Abwechslung mit dem Partner)
  • Bewegung (im Tageslicht)
  • Wohlfühlaktivitäten (Entspannungsbad, Sport, Hobbys, Musik, Lesen/Zeitung…)
  • Entspannungsübungen/Meditation
  • Stressreduktion (Aufgaben delegieren, Termine verschieben…)

Tipp: Nutzen Sie Wellnessangebote (Kosmetik, Massage, Frisör…). Sie sind geeignete Methoden, um Körper und Seele zu „streicheln“ sowie Wohlbefinden zu erzeugen.

2. Unterstützung durch Angehörige/Freunde einfordern

Eine postpartale Depression hat überhaupt nichts mit mangelndem Leistungsvermögen oder mangelnder Liebe zum Kind zu tun. Sie ist eine Erkrankung. Bei einem Armbruch zum Beispiel würde man sich die Abendbrot-Schnittchen schmieren lassen. Auch bei der Überwindung einer postpartalen Depression sollte ohne Scheu auf die Hilfe von Angehörigen und Freunden zurückgegriffen werden. Beispielsweise könnten diese:

Freunde unterstützen Mutter

  • Essen (vor)kochen,
  • Reinigungsarbeiten ausführen,
  • Das Baby versorgen (Wickeln, Baden, in den Schlaf wiegen)
  • den Einkauf übernehmen
  • Freizeit ermöglichen durch Babysitten
  • Gespräche führen (Ballast von der Seele reden)

Tipp: Nehmen Sie Kontakt zu einer Firma aus dem Bereich „Essen auf Rädern“ auf. Mit den täglich gebrachten warmen Mahlzeiten können Sie sich verwöhnen lassen und sich und Ihre Angehörigen entlasten.

3. Hebammenbetreuung in Anspruch nehmen

Eine möglichst lange sowie intensive Hebammenbetreuung ist sinnvoll. Sie kann der Mutter Sicherheit, Halt und individuelle Unterstützung geben. Ein zusätzliches Angebot stellen indes die sogenannten Familienhebammen dar. Sie begleiten Familien in schwierigen Lebenslagen (wozu eine psychische Erkrankung wie die Wochenbettdepression zählt) bis zum ersten Geburtstag des Kindes. Dabei leisten sie Hebammenhilfe (Wochenbett, Stillzeit) sowie intensive Hilfe in Alltagssituationen (Ernährungsberatung, Behördengänge…) sowie in Beziehungsfragen (Mutter-Kind-Bindung, Partnerschaft). Bei Bedarf vermitteln sie weitere medizinische, soziale oder behördliche Unterstützung. Hebammenbetreuung ist übrigens in jedem Fall für Sie kostenlos. Vermittelt werden Familienhebammen unter anderem durch

  • Deutschen Hebammenverband
  • Gesundheitsamt
  • Jugendamt
  • Schwangerenberatungsstellen
  • Krankenkassen

Tipp: Besuchen Sie eine Selbsthilfegruppe. Sie dient dem Informationsaustausch und bildet eine Solidargemeinschaft. „Man ist nicht allein!“

Die postpartale Depression ist eine Erkrankung. Für Schuldgefühle, Scham oder Selbstvorwürfe ist kein Platz. Bitte holen Sie sich die Hilfe, die Sie benötigen.

Quellen:
https://www.netdoktor.de/krankheiten/wochenbettdepression/
https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/depression-in-verschiedenen-facetten/in-der-schwangerschaft-und-nach-der-geburt
https://flexikon.doccheck.com/de/Wochenbettdepression
https://www.icd-code.de/suche/icd/code/F53.-.html?sp=SDepression
https://www.aerzteblatt.de/archiv/54466/Postpartale-Depression-Vom-Tief-nach-der-Geburt
https://www.hebammenverband.de/familie/hebammenhilfe/familienhebammenfruehe-hilfen/

Wanda Unger
Diplom-Medizin-Pädagogin und Hebamme
Wanda Unger ist Diplom-Medizin-Pädagogin und Hebamme. Seit vielen Jahren begleitet sie junge Familien durch die Zeit der Schwangerschaft bis zum 1. Lebensjahr ihrer Babys. Für unser Portal schreibt sie Fachtexte rund um Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Stillzeit und Babypflege. Als Mutter und Hebamme ist es ihr wichtig, den Familien den Start in den Alltag mit dem neuen Familienmitglied zu erleichtern.
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Wanda Unger
Wanda Unger ist Diplom-Medizin-Pädagogin und Hebamme. Seit vielen Jahren begleitet sie junge Familien durch die Zeit der Schwangerschaft bis zum 1. Lebensjahr ihrer Babys. Für unser Portal schreibt sie Fachtexte rund um Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Stillzeit und Babypflege. Als Mutter und Hebamme ist es ihr wichtig, den Familien den Start in den Alltag mit dem neuen Familienmitglied zu erleichtern.
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