Milchbildungstee: wie Sie durch Tee die Milchbildung anregen

Diese Überschrift suggeriert automatisch, dass Milchbildungstee auch tatsächlich die Milchbildung anregt. Es gibt nur wenige wissenschaftliche Belege dafür, wohl aber eine Menge Überlieferungen und individuelle Erfahrungen. Warum manche Mütter „wahre Wunder“ in Sachen Milchbildung erleben, andere aber das Experimentieren entnervt aufgeben, soll uns in diesem Artikel beschäftigen.

Tee

Die besorgte Mutter zu ihrer stillenden Tochter: „Tante Lene hat mir geraten, dass es gut wäre, wenn du immer Milchbildungstee trinkst, damit deine Milch auch reicht für Ann!“ „Ach weißt du Mama, ich stille doch noch Bedarf von Ann, da brauche ich sowas nicht.“ Ein klitzekleiner Zweifel bleibt aber doch bei der jungen Mutter hängen: „Was, wenn Tante Lene doch Recht hat??“

Die Angst, nicht genug Milch zu bilden

Sie scheint zu den Urängsten von Müttern zu gehören: Hilfe, mein Kind muss verhungern! In unserem Land gibt es genügend Ausweichmöglichkeiten, denn schließlich ist Babynahrung (Formula) in jedem Supermarkt zu bezahlbaren Preisen erhältlich. Trotzdem lohnt sich die Beschäftigung mit dem Thema Anregung der Milchbildung.

Galaktogoga – was ist denn das?

Schon von alters her wussten Kräuterweiblein, dass es Mittel gibt, die die Milchbildung positiv beeinflussen können. Verschiedene Teesorten gehören neben Medikamenten und Lebensmitteln in die Gruppe der Galaktogoga. Die bekanntesten Tees zeigt Ihnen die folgende Übersicht:

Milchbildungstee Grafik
Herkömmlicher Milchbildungstee (Stilltee) enthält oft eine Mischung von

Fenchel, Anis und Kümmel

Die Wirkungen, die diese drei Arzneipflanzen entfalten, sind ähnlich.

  • zur Anregung der Milchbildung empfohlen (bereits in der Antike)
  • verdauungsfördernd
  • krampflösend (gegen Blähungen und Völlegefühl)
  • verwendete Pflanzenteile: Samen zur Teezubereitung
  • Problem:
    • Ölhaltige Samen können Krebs erregen und sollten lt. Bundesinstitut für Risikobewertung nur selten und sparsam verwendet werden. Die Konzentration in der genannten Teemischung wird aber als unbedenklich eingestuft.
    • Allergierisiko bei Anis und Kümmel
      • schon in kleinen Mengen: Übelkeit, Erbrechen, Asthmaanfall!

Dosierung: nicht mehr als 1-3 Tassen/ Tag!

Dill

  • Dillsamen wirken ähnlich wie Fenchelsamen
  • verwendete Pflanzenteile: Samen zur Teezubereitung
  • enthalten ätherische Öle in Samen, über deren Wirkungsweise aber bisher noch wenig bekannt ist
  • positiver Einfluss auf die Milchbildung
  • lindernd bei Blähungen

Mariendistel

  • wahrscheinlich östrogenartige¹ Wirkung, was ihre Anregung
    der Milchbildung erklärt.
  • hauptsächlicher Einsatz bei Lebererkrankungen
  • als Piulatte (Nahrungsergänzungsmittel) von Humana im Handel
  • Problem: Allergierisiko mit Übelkeit, Durchfall, allergischen Reaktionen

Geißraute

  • bei Kühen milchbildend, ruft aber auch Vergiftungen bei Kühen hervor
  • Problem: bei Menschen eher als gefährlich eingestuft

Bockshornklee

Wir verweisen auf unseren Artikel: „Regt Bockshornklee die Milchbildung an?

Ehe ich mir einen Milchbildungstee bereite, sollte ich…

  • zuerst mein Stillmanagement überprüfen.
    Dazu zählt die regelmäßige und effektive Entleerung der Brust. Sie ist die Voraussetzung für eine Steigerung der Milchmenge, weil sie nur so stimuliert wird.
  • wissen, dass die Milchbildung direkt nach der Geburt bis etwa zur 30. Lebensstunde für die Mutter kein Problem darstellt. Die erste Milch für ihr Baby, das Kolostrum, wurde bereits in der Schwangerschaft gebildet und ist sofort einsetzbar. Von der Energiedichte her ist Kolostrum vergleichbar mit Red Bull – nur eben gesundheitsfördernd.
  • meinem gesunden Neugeborenen vertrauen, dass es deutliche Signale gibt, wenn es gestillt werden möchte. Ungefähr ab dem 10. Lebenstag wird die Milchbildung in ihrer Menge von der Nachfrage des Babys bestimmt.

Baby trinkt Muttermlich

  • den Rat der Akademie für Stillmedizin (Academy of Brestfeeding Medicine) beherzigen, dass wegen fehlendem Wirksamkeitsnachweis und möglicher Nebenwirkungen der Kräutertees keine Empfehlung zur Anwendung ausgesprochen werden kann.
  • mit meiner Stillexpertin darüber geredet haben. Sie kann mir mit ihrem professionellen Rat sicher über manche Unsicherheit hinweghelfen, wie zum Beispiel die folgende:

Meine Brust fühlt sich so weich an…

Eine Mutter berichtet mir beim Hausbesuch, dass sie jetzt zufüttern müsse. Ihr Baby hat prächtig zugenommen, 210g seit der letzten Woche. Auf meine Frage, wie sie auf diese Idee käme, antwortet sie: „Meine Brust fühlt sich so weich an, da ist bestimmt gar keine Milch mehr drin!“ Ich zeige ihr, wie sie etwas Milch aus ihrer Brust entleeren kann und beruhige sie zumindest für den Augenblick.

Ja, es stimmt, die Brust verändert sich beim Stillen. In den ersten Tagen, wenn das Baby noch mithilft, die Produktion der Übergangsmilch (eventuell Verweis auf den anderen Artikel zum Stillstart) anzuregen, leiden viele Frauen unter einer straffen, mitunter auch schmerzhaften Brust. Diese feste Brust kommt durch Gewebsflüssigkeit, die Lymphe, zustande, nicht durch die Milchmenge.

Merke: Je länger eine Frau stillt, umso weicher wird die Brust!

Und schließlich: Viel (trinken) hilft nicht viel!

Mancher denkt noch heute, dass wenn eine Mutter viel Milch trinkt, ihre Milchbildung stark angeregt wird. Diese Vermutung erweist sich aber als falsch. Ein übermäßiges Trinken (mehr als 3 bis 4 Liter/Tag) führt vielmehr zum Gegenteil: Die Milchbildung geht zurück, weil die Milchbildungszellen im Drüsengewebe der Brust durch die Flüssigkeit im umliegenden Gewebe wie „abgeschnürt“ werden. Dadurch wird ihre Funktion unterdrückt oder zumindest eingeschränkt.

Außerdem reagieren viele Frauen empfindlich auf eine zu hohe Laktosezufuhr , die in der normalen Kuhmilch enthalten ist. Das äußert sich beispielsweise in Blähungen, die sie entweder selbst erleben oder sogar ihr Baby.

Und nun: Viel Spaß beim Stillen – mit oder ohne Milchbildungstee!

¹Östrogen: weibliches Sexualhormon

Quellen:
https://www.apotheken-umschau.de/heilpflanzen/fenchel
https://www.awl.ch/heilpflanzen/galega_officinalis/geissraute.htm
https://www.heilkraeuter.de/lexikon/dill.htm
Biancuzzo, M. Stillberatung
Journal für stillen und Laktation 1, 2015

Edeltraut Hertel
Hier schreibt Hebamme
Edeltraut Hertel ist Diplom-Medizin-Pädagogin, Hebamme und Krankenschwester. Sie arbeitete im In- und Ausland (8 Jahre Tansania, Katastropheneinsätze in Mazadonien, Sudan und Eritrea), und war fast 15 Jahre als freiberufliche Hebamme in Glauchau und Umgebung tätig. Von 2012 bis 2017 unterrichtete sie an der Med. Berufsfachschule der Klinikum Chemnitz gGmbH. Seit Sept. 2017 erfreut sie sich an ihrem Ruhestand, gibt aber gern aus ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz an Wissensdurstige weiter.
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Edeltraut Hertel
Edeltraut Hertel ist Diplom-Medizin-Pädagogin, Hebamme und Krankenschwester. Sie arbeitete im In- und Ausland (8 Jahre Tansania, Katastropheneinsätze in Mazadonien, Sudan und Eritrea), und war fast 15 Jahre als freiberufliche Hebamme in Glauchau und Umgebung tätig. Von 2012 bis 2017 unterrichtete sie an der Med. Berufsfachschule der Klinikum Chemnitz gGmbH. Seit Sept. 2017 erfreut sie sich an ihrem Ruhestand, gibt aber gern aus ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz an Wissensdurstige weiter.
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